Was Murano Glas ist
Murano ist eine Inselgruppe in der Lagune von Venedig, eine kurze Bootsfahrt von der Stadt entfernt, und seit dem späten Mittelalter der Ort, an dem die venezianischen Glasmacher arbeiten. Die Republik verlegte die Glashütten wegen der Brandgefahr aus der Stadt auf die Insel und behielt die Glasmacher dort im Auge: das Wissen um Cristallo, das erste wirklich klare Glas Europas, und um farbiges Glas war ein Staatsgeheimnis. Über Jahrhunderte hatte Murano damit ein Monopol, bis Böhmen mit seinem Kristallglas den Markt eroberte und die Insel in den Schatten stellte.
Was wir heute als Murano Glas kennen, kommt aus der Wiederbelebung im neunzehnten Jahrhundert und vor allem aus dem zwanzigsten: Glashütten wie Venini, Barovier & Toso und Seguso holten Architekten und Gestalter auf die Insel und machten aus dem Kunsthandwerk Glaskunst mit Namen. Murano Glas ist deshalb kein Hersteller und keine Marke, sondern eine Herkunft, unter der Dutzende Werkstätten mit eigenen Signaturen arbeiten.
Für den Verkauf heißt das: die Frage ist nie nur, ob ein Stück aus Murano stammt, sondern aus welcher Hütte, aus welcher Zeit und von welcher Hand. Ein Aschenbecher aus einer Touristenwerkstatt und eine Vase von Carlo Scarpa für Venini sind beide Murano Glas und haben nichts miteinander zu tun.
Die Glashütten und Gestalter, die den Markt tragen
Venini. Die Hütte, die Murano in die Moderne führte. Paolo Venini holte Gestalter wie Carlo Scarpa, Fulvio Bianconi, Gio Ponti, Tapio Wirkkala und später Tobia Scarpa. Die Fazzoletto Vase in Form eines fallenden Taschentuchs, die Pezzato Vasen aus farbigen Feldern und die Leuchten aus Glasrohren gehören zu den gesuchtesten Stücken der Insel. Venini signiert mit Säurestempel oder Gravur am Boden.
Barovier & Toso. Eine der ältesten Glasmacherfamilien der Insel. Ercole Barovier entwickelte Verfahren, bei denen Metallsalze das Glas ohne Schmelzfarbe färben, und die Hütte steht bis heute für Kronleuchter und Vasen mit dicker Wandung und eingeschlossenen Farben.
Seguso. Zwei Linien unter einem Namen: Seguso Vetri d'Arte mit den Sommerso Vasen von Flavio Poli, bei denen eine Farbe in die andere getaucht liegt, und Archimede Seguso mit eigener Hütte und feinen Fadengläsern. Beide werden häufig verwechselt und unterschiedlich eingeordnet.
Salviati, AVeM, Cenedese, Aureliano Toso. Hütten der Nachkriegszeit mit eigenen Gestaltern: bei Aureliano Toso die wilden, gefleckten Vasen von Dino Martens, bei Cenedese die Arbeiten von Antonio Da Ros, bei AVeM die Stücke mit Murrine und Silberfolie.
Vistosi, Mazzega, Venini Leuchten. Die Hütten, die in den sechziger und siebziger Jahren Leuchten für die Wohnungen der Zeit bauten, mit Gestaltern wie Angelo Mangiarotti, Vico Magistretti und Carlo Nason. Für mich als Händler mit Schwerpunkt Leuchten der wichtigste Teil der Insel.
Alfredo Barbini, Carlo Moretti, Nason & Moretti. Kleinere Hütten mit klarer Handschrift, deren Stücke oft ohne Signatur im Nachlass stehen und erst am Glas erkannt werden.
Die Techniken, die ein Stück verraten
Murano Glas erkennt man oft eher an der Technik als an der Signatur, weil viele Techniken auf der Insel entstanden sind und anderswo kaum beherrscht werden.
Sommerso. Mehrere Glasschichten in verschiedenen Farben, eine in die andere getaucht, mit klarer Schicht außen. Das Stück ist schwer und wirkt, als schwebe die Farbe im Glas.
Murrine und Millefiori. Scheiben aus farbigen Glasstäben, als Muster in die Wand eingeschmolzen. Bei Millefiori sind es Blütenmuster, bei Murrine jede Art von Mosaik. Bei guten Stücken sitzen die Scheiben sauber in der Wand und sind nicht aufgelegt.
Filigrana, Zanfirico, Reticello. Feine weiße oder farbige Fäden im Glas, gerade, gedreht oder als Netz. Beim Reticello liegt in jeder Masche eine winzige Luftblase.
Bullicante und Pulegoso. Luftblasen im Glas, beim Bullicante als regelmäßiges Muster, beim Pulegoso als Schaum aus unzähligen kleinen Blasen. Beides gewollt, kein Fehler.
Avventurina. Glas mit eingeschmolzenen Kupferkristallen, das wie mit Goldflitter durchsetzt wirkt. Eine alte Muranotechnik, die auch außerhalb der Insel nachgeahmt wird.
Battuto, Inciso, Corroso. Oberflächen, die nach dem Blasen geschliffen oder geätzt wurden: Battuto wie gehämmert, Inciso mit feinen Linien, Corroso wie angefressen. Typisch für Venini und Carlo Scarpa.
Lattimo und Opalglas. Milchig weißes Glas, allein oder als Schicht unter Farbe. Bei Leuchten die Grundlage der meisten Schirme aus den sechziger Jahren.
Leuchten aus Murano: vom Kronleuchter bis zum Sputnik
Leuchten sind bei mir seit 1999 ein Schwerpunkt, und Murano ist dafür die wichtigste Herkunft. Zwei Welten hängen unter demselben Namen.
Die eine ist der klassische Kronleuchter im Stil des Ca' Rezzonico: Arme aus klarem oder farbigem Glas, daran Blüten, Blätter und Ranken, alles einzeln geblasen und auf ein Metallgerüst gesteckt. Solche Leuchten gibt es seit dem achtzehnten Jahrhundert, und sie werden bis heute so gebaut, alt und neu sehen sich deshalb ähnlich. Was den Wert trägt, sind Zahl und Vollständigkeit der Teile, die Farbe des Glases und ob die Blüten aus einer Hand stammen.
Die andere Welt sind die Leuchten der Nachkriegsmoderne: die Poliedri Kronleuchter von Venini aus vielen kleinen Glaspolyedern, die Sputnik Leuchten von Mazzega mit Dutzenden Glasstäben um eine Kugel, die Pendelleuchten von Vistosi aus schwerem Opalglas, die Kaskaden aus Glasscheiben und die Wandleuchten aus gebogenen Glasrohren. Sie hängen seit fünfzig Jahren in Fluren und Esszimmern und gelten beim Auflösen der Wohnung als Nebensache, dabei hängt dort oft mehr als im ganzen Schrank steht.
Ein Wort zum Gestell: bei vielen dieser Leuchten ist das Glas aus Murano, das Gestell aus Messing oder verchromtem Stahl aber von einem Metallbetrieb auf dem Festland. Das ist kein Mangel, sondern die Regel, und bei Mazzega und Vistosi gehören Glas und Gestell von Anfang an zusammen. Ein Gestell, das nachträglich ersetzt oder gekürzt wurde, erkenne ich an Bohrungen und Fassungen, und es gehört in die Einordnung.
Vasen, Schalen und Figuren
Vasen und Schalen sind der größte Teil dessen, was aus Murano in deutsche Wohnzimmer gekommen ist, meist als Mitbringsel einer Venedigreise oder als Geschenk aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Darunter sind Stücke der großen Hütten, und darunter ist Ware aus den Werkstätten, die für die Läden am Markusplatz arbeiten: Fische, Vögel, Clowns, Obst, Aschenbecher und Briefbeschwerer.
Der Unterschied liegt nicht im Motiv. Es gibt Fische von Seguso und Clowns von Barbini, die Sammler suchen, und es gibt dieselben Motive in tausendfacher Ausführung ohne Namen. Was zählt, ist die Ausführung: Gewicht, Sauberkeit der Farbschichten, Schliff des Bodens, Größe, und ob das Stück in einem Katalog der Hütte steht. Eine Sammlung solcher Stücke ordne ich als Ganzes ein, wie auf der Seite zum Ankauf von Sammlungen beschrieben.
Echt oder Massenware: woran Sie es erkennen
Der Aufkleber ist der schwächste Beweis. Etiketten mit Gondel und Aufschrift Murano gibt es in jedem Souvenirladen, sie werden nachgedruckt und auf Glas aus Fernost geklebt. Auch Made in Italy sagt nichts über die Insel, und der Zusatz Murano Style sagt ausdrücklich, dass es nicht von dort ist.
Was zählt, ist das Glas selbst. Ein mundgeblasenes Stück hat keine Formnaht, also keine feine Linie, die senkrecht über die Wandung läuft. Am Boden sitzt die Abrissmarke, die Stelle, an der das Stück von der Pfeife getrennt wurde, bei guten Hütten glatt poliert, bei einfachen rau, bei gepresstem Glas gar nicht vorhanden. Die Farbe liegt im Glas, in Schichten, und nicht als Lack auf der Oberfläche. Das Stück ist schwerer, als es aussieht, weil die Wandung dick ist.
Dann die Signatur. Venini, Seguso, Barovier & Toso, Cenedese, Barbini und andere signieren mit Gravur, Säurestempel oder Diamantstift am Boden, oft mit Zusatz Murano oder Italia. Nicht jedes echte Stück ist signiert, vor allem ältere und Leuchten nicht, aber eine Signatur, die zur Technik und zur Zeit passt, ist ein starkes Zeichen. Eine Signatur, die nicht dazu passt, ist ein Warnzeichen, denn auch Signaturen werden gefälscht.
Zuletzt das Herkunftszeichen: Hütten der Insel führen ein gemeinsames Etikett mit Nummer, Vetro Artistico Murano, das die Region vergibt. Es sagt, dass die Hütte auf Murano sitzt, nicht, was das Stück wert ist.
Wenn Sie unsicher sind, machen Sie ein Foto vom Boden und eines gegen das Licht. Daran erkenne ich meist mehr als am Etikett, und ich sage Ihnen offen, wenn ein Stück nicht von der Insel stammt.
Was oft für Murano gehalten wird
Drei Herkünfte werden regelmäßig mit der Insel verwechselt, und alle drei haben ihren eigenen Wert.
Empoli. Aus der Toskana kommen seit den fünfziger Jahren Vasen, Flaschen und Karaffen in einem kräftigen Grün, dazu in Bernstein und Blau, dünnwandig geblasen und in Souvenirläden gern als Murano verkauft. Empoli Glas ist leichter, gleichmäßiger und ohne die Schichten, die ein Sommerso zeigt.
Böhmen. Das Glas aus Nordböhmen ist meist geschliffen oder geschnitten, oft Bleikristall mit klarem Klang, und trägt eher Gravuren als eingeschmolzene Farbe. Es hat seinen eigenen Markt, aber es ist nicht von der Lagune.
Skandinavien. Die Glashütten in Schweden, Dänemark und Finnland arbeiten mit dickem, kühl gefärbtem Glas in Grau, Rauch und Blau, schlicht in der Form und mit polierten Böden, die oft signiert sind. Wer eine schwere, grau getönte Vase mit eingeritzter Nummer hat, sollte zuerst dort suchen, nicht auf Murano.
Ein Foto sagt mir meist, in welche der Welten ein Stück gehört. Ich kaufe auch böhmisches und skandinavisches Glas an, wenn es gut ist, nur eben unter seinem richtigen Namen.
Woran der Wert eines Stücks hängt
Die Hütte und die Hand. Ein Stück mit belegter Herkunft aus Venini, Seguso oder Barovier & Toso, dazu ein Gestalter mit Namen, steht an der Spitze. Danach kommen Hütten mit erkennbarer Handschrift, zuletzt Ware ohne Zuordnung.
Die Technik. Aufwendige Techniken wie Reticello, Murrine oder Battuto brauchen Stunden und Können. Sie werden anders eingeordnet als ein einfarbig geblasenes Stück.
Die Zeit. Die Stücke aus den dreißiger bis siebziger Jahren, als die Gestalter auf der Insel arbeiteten, sind der Kern des Marktes. Ältere Stücke sind selten, neuere meist nur in Kleinauflagen gesucht.
Der Zustand. Glas verzeiht nichts: ein Chip am Rand, ein Kratzer im Schliff, eine Trübung von Kalk im Inneren einer Vase, ein Sprung im Fuß. Bei Leuchten kommen fehlende oder ersetzte Teile dazu, ein Kronleuchter mit zwei nachgekauften Armen ist nicht mehr vollständig.
Die Größe und die Seltenheit. Große Vasen und Leuchten mit vielen Teilen sind seltener als kleine, weil sie schwerer zu blasen und schwerer zu transportieren waren.
Der Beleg. Ein Katalogblatt, eine Rechnung von der Reise, ein Foto aus der Wohnung der Eltern mit dem Stück darin: alles, was die Herkunft belegt, hilft der Einordnung.
Was Sie vor dem Verkauf nicht tun sollten
Ziehen Sie kein Etikett ab, auch kein halbes. Stellen Sie nichts in die Spülmaschine, Hitze und Salz trüben das Glas. Polieren Sie keine Kratzer weg, das nimmt dem Schliff die Struktur. Und nehmen Sie einen Kronleuchter nicht selbst ab, ohne jedes Teil zu fotografieren und zu beschriften: ich sehe bei der Einordnung sofort, ob die Blüten noch an ihren Plätzen sitzen.
Wie Sie Ihr Glas für die Einordnung beschreiben
Vier Fotos genügen: das ganze Stück, der Boden mit Abrissmarke und Signatur, ein Foto gegen das Licht, und bei Leuchten eines von unten mit allen Teilen. Dazu die Höhe in Zentimetern und, wenn Sie es wissen, wo und wann das Stück gekauft wurde. Die Italienreise der Eltern in den sechziger Jahren ist eine Herkunft, die ich ernst nehme.
Murano Glas bei Design Diefenbach
Ich kaufe selbst in Italien ein und kenne die Hütten der Insel nicht nur aus Büchern. In meinem Laden, einem kuratierten Designhandel mit Galerie in der Nerostraße in Wiesbaden, ordne ich Murano Glas ein, bevor eine Zahl fällt, und Leuchten hole ich im Rhein Main Gebiet mit eigenem Fahrzeug ab, damit kein Arm auf dem Weg bricht.
Den Ablauf für Leuchten beschreibt die Seite zum Ankauf von Designerlampen. Die italienischen Leuchtenhersteller Flos und Artemide haben eigene Seiten, weil sie Marken sind und Murano eine Herkunft. Alle Marken und Gestalter stehen unter Marken und Gestaltern.