Was Thonet ausmacht
Michael Thonet aus Boppard am Rhein brachte massives Buchenholz unter Dampf in Form und baute daraus in Wien Stühle in Serie: wenige Teile, verschraubt statt verleimt, zerlegt in Kisten verschickt, in Kaffeehäusern auf der ganzen Welt. Der Stuhl Nr. 14 ist der bekannteste. Aus dem Werk in Frankenberg an der Eder in Hessen kamen später die Stahlrohrmöbel nach Entwürfen von Marcel Breuer und Mart Stam, und dort baut Thonet bis heute.
Zwei Welten also unter einem Namen: Bugholz und Stahlrohr. Und ein Wort, das zu weit reicht: Thonet Stuhl sagen viele zu jedem Bugholzstuhl, auch wenn er aus einer der anderen Bugholzfabriken der Zeit stammt oder gar keinen Namen trägt.
Von Boppard nach Wien: die Geschichte in Kürze
Michael Thonet begann als Schreiner in Boppard mit Versuchen, verleimte Furnierschichten zu biegen, und ging nach Wien, wo er mit seinen Söhnen als Gebrüder Thonet die Fabrik aufbaute. Dort gelang der Schritt zum massiven Bugholz: Buchenstäbe im Dampf erweicht, in Eisenformen gebogen, getrocknet. Der Stuhl wurde erschwinglich, leicht und in der Kiste stapelbar, und die Kaffeehäuser der Stadt nahmen ihn zu Tausenden. Aus der Werkstatt wurde eines der größten Möbelunternehmen seiner Zeit, mit Werken in Mähren und Ungarn und Verkaufshäusern in den großen Städten Europas. Das Werk in Frankenberg kam noch im neunzehnten Jahrhundert dazu und wurde nach dem zweiten Krieg zum Sitz der deutschen Firma.
Für den Verkäufer heißt das: ein alter Bugholzstuhl kann aus einem von vielen Werken stammen, und Stempel und Etiketten unterscheiden sich nach Werk und Jahrzehnt. Ein Stuhl mit Papieretikett der Gebrüder Thonet ist damit ein Stück Firmengeschichte, das sich datieren lässt.
Die Firma führte ihre Modelle im Katalog mit Nummern, und die Nummern blieben: wer heute von Nr. 14 spricht, meint denselben Stuhl wie ein Käufer im Kaiserreich, und Thonet zählt ihn als 214 weiter. Deshalb kann ich aus einer Nummer, die Sie unter dem Sitz finden, oft direkt das Modell benennen.
Stahlrohr aus der Zeit des Bauhauses
In den zwanziger Jahren nahm Thonet die zweite Technik ins Programm: gebogenes Stahlrohr. Marcel Breuer, Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe entwarfen Stühle ohne Hinterbeine, die auf einer Kufe federn, und Thonet baute sie in Serie. Der Freischwinger wurde vom Streitfall unter Architekten zum Stuhl, der über Jahrzehnte in Sitzungsräumen, Praxen und Esszimmern stand. Heute kommen diese Modelle aus Frankenberg, und ein Stück aus den fünfziger Jahren und eines von heute tragen dieselbe Nummer.
Die Modelle, nach denen gefragt wird
Nr. 14 und Nr. 18. Die Kaffeehausstühle, heute als 214 und 218 im Programm. Mit Sitz aus Wiener Geflecht oder aus gelochtem Sperrholz.
Nr. 209. Der Wiener Stuhl mit dem Bogen, der von Armlehne zu Armlehne über den Rücken läuft. Le Corbusier hat ihn in seinen Räumen eingesetzt.
Schaukelstuhl. Die geschwungenen Bugholzschaukler mit Geflecht, in mehreren Nummern. Meist mit Reparaturen an den Kufen, was einzuordnen ist.
S 32 und S 64. Breuers Freischwinger mit Buchenrahmen und Geflecht, ohne und mit Armlehnen. Häufig als Satz aus einem Esszimmer oder einem Sitzungsraum.
S 33 und S 43. Stams Freischwinger, S 43 mit Sitz und Lehne aus Formsperrholz. Als Bürostuhl über Jahrzehnte verkauft und deshalb oft in Beständen.
S 411 und die Sessel. Der Freischwinger mit Armlehnen und niedriger Lehne, gepolstert in Leder oder Stoff, als Paar vor dem Kamin oder im Wartezimmer. Gesucht mit unbeschädigtem Leder und festen Kufen.
118. Der Holzstuhl mit Armlehnen aus Frankenberg, mit Rohrgeflecht oder Muldensitz, in Buche natur oder gebeizt. Als Satz aus einer Küche oder einem Wartezimmer eher der Alltag der Marke, aber angekauft, wenn der Zustand stimmt.
Tische. Säulentische mit runder Platte und Tische mit Stahlrohrgestell zu den Freischwingern. Für sich allein selten gesucht, zum passenden Satz Stühle ein Gewinn.
Kleiderständer und Kinderstühle. Die Nebenstücke aus Bugholz, die im Flur oder auf dem Dachboden überlebt haben.
Die Ausführungen der Freischwinger
Thonet baut S 32 und S 64 in vielen Varianten: Rahmen aus Buche natur, schwarz gebeizt, Nussbaum oder Eiche, Sitz und Rücken aus Wiener Geflecht, aus Netzgewebe oder vollgepolstert, Gestell verchromt oder in Farbe lackiert. Für den Gebrauchtmarkt ist die klassische Ausführung die gesuchte: Buche, Geflecht, verchromtes Gestell. Sonderausführungen aus Objektausstattungen, etwa mit Netzrücken oder Polster in Stoffmustern, sind leichter zu benutzen als zu verkaufen.
Die Buchstaben hinter der Nummer beschreiben genau diese Ausführung. Sie müssen sie nicht entschlüsseln: ein Foto von Sitz und Rücken sagt mir, welche Variante Sie haben.
Thonet im Büro und in der Gastronomie
Viele Thonet Stühle haben nie in einem Wohnzimmer gestanden. Sie kamen aus Kantinen, Cafés, Kanzleien, Vereinshäusern und Sitzungsräumen, in Sätzen von zwölf oder zwanzig, und genau von dort tauchen sie heute auf, wenn ein Betrieb schließt oder umzieht. Die Bugholzstühle wurden für diesen Einsatz gebaut, die Freischwinger haben ihn übernommen, und beide halten ihn länger aus als die meisten Stühle, die danach kamen. Für mich ist das der interessante Fall: gleiche Ausführung, gleiches Alter, eine Quelle. Gebrauchsspuren aus dem Betrieb sind normal, geprüft werden Kufen, Verschraubungen und ob das Geflecht überall vom selben Alter ist.
Wenn Sie einen Betrieb auflösen, schicken Sie ein Foto des ganzen Raums, bevor die Stühle verteilt werden. Aus dem Raum lese ich mehr als aus einem einzelnen Stuhl.
Woran der Wert hängt
Die Kennzeichnung. Brandstempel oder Prägung unter dem Sitz oder am Zargenring, bei alten Stücken ein Papieretikett. Ohne Stempel ist es ein Bugholzstuhl, den ich auch ansehe, aber anders einordne.
Das Alter. Ein Wiener Stück aus der Zeit vor dem ersten Krieg, eine Nachkriegsausführung aus Frankenberg oder ein Stuhl aus dem aktuellen Programm: dieselbe Nummer, drei Märkte.
Der Zustand. Beim Bugholz Brüche an den Biegungen, lose Schrauben, ausgeschlagene Bohrungen, eine neue Lackschicht über der alten Oberfläche. Beim Stahlrohr Rost, stumpfes Chrom, verbogene Kufen. Ersetztes Geflecht ist kein Makel, wenn es von Hand gemacht wurde.
Die Oberfläche. Alte Bugholzstühle tragen eine Beize in Mahagoni, Nussbaum oder Schwarz unter Schellack. Eine solche Oberfläche mit Gebrauchsspuren steht über einer neuen Lackierung, auch wenn die neue glänzt. Natur belassene Buche ist bei alten Stücken selten und bei neuen der Regelfall.
Das Geflecht. Wiener Geflecht aus Rohr, von Hand in die gebohrte Zarge gezogen, war die übliche Ausführung, der Sperrholzsitz mit Prägemuster die robustere für Gaststätten. Beides ist original, keines ist besser, beides gehört in die Beschreibung.
Der Satz. Sechs gleiche Stühle aus einer Quelle sind mehr als sechs einzelne, und ein Satz mit passendem Tisch noch einmal.
Drei Dinge, die den Wert kosten
Den Stempel abschleifen. Wer einen alten Stuhl abschleift und neu ölt, nimmt mit der Oberfläche oft den Brandstempel weg. Danach ist es ein Bugholzstuhl ohne Herkunft.
Schrauben und Beschläge tauschen. Die alten Schlitzschrauben und Muttern gehören zum Stück. Moderne Kreuzschlitzschrauben verraten die Reparatur auf den ersten Blick.
Kufen richten lassen. Ein verbogener Freischwinger lässt sich richten, aber nicht in jeder Werkstatt. Ein schlecht gerichtetes Gestell federt falsch und ist danach weniger wert als das verbogene.
Wie Sie Ihren Stuhl beschreiben
Ein Foto von der Seite, eines von unten mit Blick auf Zargenring und Sitz, beim Freischwinger eines von der Kufe. Dazu die Anzahl, und ob die Stühle aus einer Hand stammen. Ein Stempel, den Sie nicht lesen können, ist trotzdem ein Foto wert.
Thonet gehört bei Design Diefenbach zum Ankauf von Designermöbeln, neben den Stahlrohrentwürfen von Knoll und den Meisterstücken von Cassina. Mein Laden in Wiesbaden ist ein kuratierter Designhandel, mit eigenem Fahrzeug im Rhein Main Gebiet hole ich auch einen ganzen Satz ab, alle Marken stehen unter Marken und Gestaltern.